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Die Wärterin schloss hinter Justine Castle die Tür zum Besucherzimmer, und Amanda deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. Justine hatte abgenommen, und unter ihren Augen zeigten sich dunkle Ringe.
»Wir haben ein Problem, Justine«, sagte Amanda.
Justine sah Amanda aufmerksam an.
»Der DNS-Test des Haars, das in der OP-Haube gefunden wurde, hat ergeben, dass es Ihres ist.«
Justine schien sich ein bisschen zu entspannen, als hätte sie etwas ganz anderes erwartet.
»Das habe ich mir schon gedacht«, sagte Justine. »Wer den Kaffeebecher und das Skalpell in der Farm deponiert hat, hat offensichtlich auch eine Haube genommen, die ich bei einer Operation benutzte.«
»Da ist noch mehr. Mike Greene bastelt an einer Theorie, nach der Sie Vincent Cardoni wegen seines Geldes geheiratet und ihn ermordet hätten, um es zu bekommen.«
Justine lächelte müde. »Das ist absolut lächerlich.«
»Greene glaubt, es beweisen zu können, und er wird Sie den Geschworenen nicht nur einfach als geldgierige Frau darstellen. Er wird Sie als eine der verderbtesten Serienmörderinnen der Geschichte charakterisieren.«
Justine lehnte sich zurück. Ihr Lächeln wurde breiter.
»Haben sie das nicht auch von Vincent gesagt? Und wird es ihnen nicht ziemlich schwer fallen zu erklären, wie ich die Opfer in Milton County umbrachte, wenn alle Indizien auf ihn hinweisen?«
Amanda war überrascht, dass diese Neuigkeiten Justine nicht mehr aus der Fassung brachten. Sie musterte ihre Mandantin. Justine hielt der Prüfung stand, ohne mit der Wimper zu zucken.
»Sie haben über das alles bereits nachgedacht, nicht?«
»Warum überrascht Sie das, Amanda? Mein Leben ist in Gefahr, und ich habe nichts anderes zur Verfügung als Zeit.«
»Nun ja, Sie haben Recht. Der Milton-County-Fall tut Mike weh, aber er kann ihn umgehen, wenn er beweisen kann, dass Sie zuvor schon wegen Geld getötet haben.«
Justines Lächeln verschwand. »Wovon reden Sie?«
»Ich habe die Autobiografie noch einmal gelesen, die Sie für mich geschrieben haben. Sie haben einiges ausgelassen. Zum Beispiel die Tatsache, dass Sie Ihren ersten Ehemann erschossen haben.«
Amanda sah, dass die Farbe aus Justines Gesicht wich.
»Und ich habe in Ihrer Biografie nichts von den einhunderttausend Dollar gelesen, die Sie von seiner Versicherung bekommen haben, und von den mehreren hunderttausend Dollar, die Sie erbten, als Ihr zweiter Ehemann innerhalb eines Jahres nach Ihrer Hochzeit eines gewaltsamen Todes starb. Glaubten Sie vielleicht, diese Kleinigkeiten würden mich nicht interessieren?«
»Ich habe Gil in Notwehr erschossen«, sagte Justine, und ihre Stimme war kaum mehr als eine Flüstern, »und Davids Tod war ein Unfall. Die beiden haben mit dieser Sache hier nichts zu tun.«
»Mike Greene denkt da ganz anders. Verdammt, Justine, Sie können mir so etwas doch nicht verschweigen! Ich muss vorbereitet sein. Hier geht's ja nicht um Ladendiebstahl! Wenn wir auch nur einen Fehler machen, bringt der Staat Sie um. Und Sie können sicher sein, dass der Staatsanwalt jedes noch so kleine Geheimnis herausfindet, das Sie mir verheimlichen.«
»Tut mir Leid.«
»Leid tun reicht nicht. Alles, was Sie mir sagen, ist vertraulich. Das habe ich Ihnen extra gesagt, wissen Sie noch? Es ist egal, wie schlimm etwas ist, Sie müssen es mir sagen. Kein anderer wird es erfahren, aber ich muss es wissen, wenn ich Ihr Leben retten soll. Okay?«
Justine antwortete nicht. Sie starrte an Amanda vorbei, die ihr die Zeit ließ, sich zu fassen.
»Wie haben die es herausgefunden?«
»Auf die gleiche Art, wie Herb Cross es herausfand, als mein Vater Vincent verteidigte.«
Justine riss den Kopf hoch. »Ihr Vater hat mich ausforschen lassen?«
»Cardoni sagte meinem Vater, Sie hätten die Opfer in Milton County ermordet. Wir gingen dieser Anschuldigung nach.«
»Wie können Sie mich verteidigen, wenn Sie glauben, ich hätte Vincent diese Sache anhängen wollen?«
»Ich glaube das nicht, und mein Vater ebenfalls nicht. Er glaubte Cardoni nie. Er tat einfach nur seine Arbeit.«
»Kann der Staatsanwalt Davids und Gils Tod vor Gericht zur Sprache bringen?«
»Er wird es auf jeden Fall versuchen.«
»Wird das in die Zeitungen kommen?«
»Natürlich. Auch wenn wir es schaffen, die Zulassung in der Hauptverhandlung zu verhindern, in den öffentlichen Anhörungen werden diese Dinge auf jeden Fall zur Sprache kommen.«
Justine beugte sich vor und zog die Schultern hoch.
»Das ist nicht gut«, sagte sie, mehr zu sich als zu Amanda. Dann sah sie ihre Anwältin direkt an. »Sie dürfen nicht zulassen, dass sie das tun!«, sagte sie flehend. »Hier kennt niemand meine Vergangenheit.«
»Der Staatsanwalt kennt sie. Er weiß, dass Sie Gil Manning knapp ein Jahr, bevor Sie ihn erschossen, für einhunderttausend Dollar versichern ließen.«
»Das war für das Baby«, sagte Justine verzweifelt. »Als wir heirateten, arbeitete Gil auf dem Bau. Er verdiente so wenig, dass wir uns nicht einmal eine eigene Wohnung leisten konnten. Ich musste für das Baby Vorsorgen, falls ihm etwas zustieß.«
»Sie haben die Versicherung nach Ihrer Fehlgeburt nicht storniert.«
Justine machte ein verblüfftes Gesicht.
»Nachdem mein Baby... Nachdem er ... ich ... ich konnte danach eine ganze Zeit lang keinen klaren Gedanken fassen.«
»Alex DeVore hat mit Gils Eltern gesprochen. Sie glauben, Sie hätten Gil ermordet.«
Zorn brachte Farbe in Justines Gesicht zurück. Sie starrte Amanda an.
»Wissen Sie, warum Gil glaubte, es wäre okay, mich als seinen privaten Punchingball zu benutzen? Er hatte gesehen, wie sein Vater mit seiner Mutter umging. In diesem Haus leben zu müssen war die Hölle. Gil und sein Vater waren beide Säufer, die unter Alkohol zu Gewalt neigten, und nach dem Ende der High School wurde die Sauferei noch schlimmer. Gil war plötzlich kein Gott mehr, und das konnten sie beide nicht ertragen. Als ich dann schwanger wurde, verlor ich meine gute Figur, und Gil war plötzlich nicht mehr mit dem begehrenswertesten Mädchen in Carrington verheiratet. Ich wurde zu einer Last, außer wenn Gil einen Sündenbock für seine Probleme brauchte.«
»Warum haben Sie ihn nicht verlassen, als er anfing, Sie zu schlagen?«
»Wohin sollte ich denn gehen? Nachdem Gil mich geschwängert hatte, wollten meine Eltern nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich hatte kein Geld.«
»Gils Eltern behaupten, Sie hätten ihn in den Alkohol getrieben und ihn gequält, bis er die Selbstbeherrschung verlor.«
»Natürlich sagen sie so was.«
»Es gibt ein Gespräch mit David Barkleys Eltern, in dem diese behaupten, Sie hätten seinen Unfall inszeniert.“
»Das stimmt nicht. Ich liebte David.«
»Sie sagen, sie hätten David gewarnt, dass Sie nur hinter seinem Geld her seien. Außerdem behaupten sie, David habe nicht getrunken.«
»Seine Eltern wussten doch rein gar nichts über ihn! Die Autopsie ergab, dass David einen Blutalkoholspiegel von zwei Promille hatte. Er hasste sie, und er trank wegen dem Druck, den sie auf ihn ausübten. Ich liebte David, aber er war Alkoholiker. Ich dachte, ich könnte ihn ändern, aber ich konnte es nicht, und er starb.«
»Die Nachbarn behaupten, Sie und David hätten am Abend seines Todes einen Streit gehabt.«
Justine starrte die Tischdecke an.
»Er trank zu viel«, sagte sie leise. »Es gab einen Wortwechsel, und er stürmte aus dem Haus und fuhr davon. Ich konnte ihn nicht aufhalten.«
»Sie erbten Davids Treuhandfonds und den Erlös einer weiteren Lebensversicherung, als er bei dem Unfall umkam.«
Justine sah Amanda direkt in die Augen, als sie sagte: »Ja, das stimmt.«
»Und es gab auch eine Police auf Vincent Cardoni.«
»Aber die Versicherung weigert sich, sie auszuzahlen.«
»Dennoch... Begreifen Sie, wie das aussieht?«
»Nein, Amanda, ich begreife nur, wie der Staatsanwalt es aussehen lassen will. Ich vertraue darauf, dass Sie den Geschworenen zeigen, wie die Dinge wirklich liegen.“